Reminiszenz

Es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass im Zuge des permanenten "schneller, höher, weiter" sich unser tiefstes Unterbewusstsein teilweise brachial Gehör verschafft. Sei es in den kurzen Augenblicken der Ruhe, in denen wir gleichsam verklärt in einen Zustand vollkommener Harmonie und Zufriedenheit eintauchen, allen Druck hinter uns lassen und aufgehen in der Faust’schen Vision des "Verweile doch, Du bist so schön". Oder - sofern wir es beispielsweise verlernt haben, diese Ruhe und schlussendlich uns selbst zu ertragen - in den düsteren Auswüchsen physischer und psychischer Krankheitsbilder.

 

Wenn sich unser Unterbewusstsein offenbart, weil es über Jahre unterdrückt oder in unerbittliche Leistungsbahnen gezwängt wurde, entzieht es sich meistens unserer Kontrolle, wie heftig die Reaktion verläuft und ob sie grundsätzlich eine für uns positive oder negative Richtung einschlägt. So offenbart sich manche Krise in einem manischen Aktivitäts-Wahn als Ventil angestauter und unterdrückter Energien, oder in anderen Fällen in Lethargie und Heimsuchung von Krankheiten: der verlorene Mensch auf der Suche nach seiner Identität.

 

Oftmals tauchen in diesen Phasen immer wieder Symbole und Urerfahrungen aus unserer Kindheit auf - wir kehren dorthin zurück, von wo wir einmal aufgebrochen sind. In diesem Sinne verweist der Begriff "Reminiszenz" auf eine Erinnerung an etwas Früheres, fast schon Vergessenes, das aber noch fest im Unterbewusstsein verankert ist.

 

Otmar Thormann zeichnete in seinem Bildband "Ursprung" das ihn prägende frühkindliche Gedankengut auf. Für ihn war der Film "Das Schweigen" von Ingmar Bergmann von herausragender Bedeutung. Der in diesem Film umherirrende Junge Johan, hin- und hergerissen von den Streitereien zwischen Mutter und Tante, erlebt alleine in einem fremdartig wirkenden Hotel skurrile Szenen, die er verarbeiten muss. Der Film wirkt durch seine unendlich langen, stillen Abschnitten, in denen keinerlei Dialoge stattfinden. Diese Stille wird auch hier aufgegriffen. Sie ist der Schlüssel, sich mit den "heiligen Räumen" der Kindheit zu beschäftigen, wie sie der italienische Schriftsteller Cesare Pavese bezeichnete.

 

Thormanns andauernder Versuch, sich von seiner Vergangenheit zu lösen, erfordert andererseits eine intensive Beschäftigung mit dem, was diese Vergangenheit ausmacht, sowie mit einer Theorie, wie der Mensch darauf basierend sein Leben gestalten kann. Jean-Paul-Sartre und sein philosophisches Werk des Existentialismus bilden die gedankliche Inspiration für die einzelnen Bilder, die in ihrer Dramaturgie aufeinander aufbauen. Kurze Meditationen zur Frage des Seins, der Rechtfertigung der Existenz oder der Rolle des Individuums sollen Anstoß zur weiteren gedanklichen Verarbeitung geben.

 

Die einzelnen Blätter beruhen auf einer quadratischen Grundfläche, auf der jeweils Bild und Text angeordnet sind. Das Quadrat soll in seiner ruhenden Form die Bildaussage unterstreichen. Insgesamt existieren neun Blätter, die in ihrer Gesamtheit wiederum als Quadrat angeordnet sind. Jeweils zwei Blätter mit Personen werden von einem Bild ohne Menschen abgeschlossen. Die Dramaturgie reicht dabei von der existentialistischen Urerfahrung der Verlassenheit und des "Überflüssig-Seins" bis hin zur (Er)Lösung mit Sartres wesentlicher These zu Freiheit und Selbstfindung des Menschen. Einzelne Szenen wurden in Anlehnung an Roger Ballens Werk "Asylum of the Birds" mit Masken und Kreidezeichnungen gestaltet.

 

Die Bilder stellen den Menschen ungeschützt, verletzlich dar. Er erscheint als entfremdetes Individuum in einer unwirklichen, bedrohlichen Welt, ohne Interaktion und nur auf sich selbst bezogen. Allein die Ausführungen des Existentialismus stellen eine Verbindung her und leiten am Ende über zu einem positiven Ausweg für jeden Einzelnen.

 

© 2017 by Dr. Andreas Horzella